{"id":67,"date":"2022-10-20T21:59:24","date_gmt":"2022-10-20T19:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/?p=67"},"modified":"2023-07-07T12:44:13","modified_gmt":"2023-07-07T10:44:13","slug":"zuerich-petrograd-einfach-geschichte-im-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/2022\/10\/20\/zuerich-petrograd-einfach-geschichte-im-theater\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrich-Petrograd einfach &#8211; Geschichte im Theater"},"content":{"rendered":"\n<p>Neben vielen begeisterten, gab es einige wenige kritische Stimmen, die sich in unserem St\u00fcck zur Zugsfahrt Lenins nach Petrograd ein positiveres Leninbild gew\u00fcnscht h\u00e4tten. Oft wurde das so formuliert, dass das St\u00fcck in der historischen Betrachtung nicht ausgeglichen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten den Auftrag von den drei Instituten f\u00fcr osteurop\u00e4ische Geschichte der Unis Basel, Z\u00fcrich und Bern ein St\u00fcck rund um Lenins Reise im Zug von Z\u00fcrich nach Petrograd zu entwickeln. Die Zusammenarbeit war spannend: Zu Beginn umfasste das den Austausch von Quellen und Materialien, sp\u00e4ter auch inhaltliche Diskussionen und f\u00fcr die Zugsversion eine gemeinsame Organisation.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie sollten wir den Auftrag inhaltlich angehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Reenactment oder eine Heroisierung der Ereignisse kamen f\u00fcr uns nicht in Frage, weil dadurch die negativen Folgen der Revolution ausgeblendet w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch eine realistische Darstellung von Lenin als Monster und Machtmensch erschien uns szenisch wie auch inhaltlich wenig interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging uns zudem nicht um ein Dokumentartheater, sondern um eine szenische Umsetzung der Reise und ihrer Folgen auf Grund von Originalquellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man verstehen will, was wir gemacht haben, ist es wichtig die Geschichte des Umgangs mit der Figur Lenins mit einzubeziehen. In der Sowjetunion wurde er tats\u00e4chlich heroisiert. Es gibt nach wie vor unz\u00e4hlige Statuen Lenins. Es wurden Heldengeschichten kreiert, sogar Kinderb\u00fccher, in denen versucht wurde bereits Kindern ein positives Leninbild einzutrichtern. Und nicht zuletzt liegt Lenins Leichnam immer noch im Mausoleum &#8211; eine Ehre, die sonst nur Halbg\u00f6ttern wie Pharaonen zuteil wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch vor diesem Hintergrund haben wir einen satirischen Zugang gew\u00e4hlt: Wir haben uns f\u00fcr den Text auf Quellen gest\u00fctzt. Der gr\u00f6sste Teil des St\u00fccktextes besteht aus Zitaten. Aber auch Situationen haben wir den Quellen entnehmen k\u00f6nnen: Dass Lenin es nicht ertrug, wenn im Zug geraucht wurde, oder dass im selben Zug die \u201eGeliebte\u201c Inessa Armande und die Frau Lenins Nadezhda Krupskaja mit fuhren, sind mehrfach belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Thorgevsky\u2019s St\u00fcck ist eine (bitterb\u00f6se) Auseinandersetzung mit der Figur Lenins als Mensch, als Politiker und als Revolutionsf\u00fchrer. Eine intelligente Demontierung des \u201e\u00dcbermenschen\u201c Lenin. Ausserdem kamen in einem zweiten Teil die Opfer der Revolution zu Wort (auch das ausschliesslich in Zitaten). Der dritte Teil gab einen historischen \u00dcberblick \u00fcber die Rolle von Z\u00fcgen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges und in der ersten Sowjetzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus unserer Sicht ist Theater ist immer eine Interpretation und soll Betroffenheit und Nachdenken ausl\u00f6sen. Das ist uns gelungen \u2013 sowohl bei den vielen begeisterten Zuschauern, wie auch bei denjenigen, denen die Interpretation nicht passte.<\/p>\n\n\n\n<p>30. November 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben vielen begeisterten, gab es einige wenige kritische Stimmen, die sich in unserem St\u00fcck zur Zugsfahrt Lenins nach Petrograd ein positiveres Leninbild gew\u00fcnscht h\u00e4tten. Oft wurde das so formuliert, dass das St\u00fcck in der historischen Betrachtung nicht ausgeglichen sei. Wir hatten den Auftrag von den drei Instituten f\u00fcr osteurop\u00e4ische Geschichte der Unis Basel, Z\u00fcrich und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-67","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=67"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67\/revisions\/68"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=67"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=67"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wiener.ch\/thorgevsky-wiener\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=67"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}