Jiddische Geschichten

«Es ist eine Lüge»

Geschichten von Scholem Alejchem und Jiddische Lieder
mit Maria Thorgevsky & Dan Wiener

Scholem Alejchem ist ein Meister der kleinen Erzählung. Häufig lässt er in seinen Geschichten die Hauptpersonen selbst zu Wort kommen und sie von ihrem Glück oder ihrem Unglück erzählen. Das macht es besonders reizvoll die Tradition des Geschichtenerzählens mit der des Theaters zu verbinden: Maria Thorgevsky und Dan Wiener erzählen in "Das ist eine Lüge" jiddische Geschichten, spielen sie zugleich und ergänzen die Geschichten mit jiddischen Liedern. Ein kleines Theater.

Wir machen eine Reise etwa 90 Jahre zurück, in ein kleines Stedtel im Südwesten Russlands. Ein feines Stedtel, ein jiddisches Schtedtel, nicht wahr?
«Was heisst da ein feines Stedtel? Eine Stadt, wie alle Städte in Galizien!»
«Ich meine, ob es bei Euch auch feine Menschen gibt, reiche?»
«Es gibt allerlei: Es gibt reiche, es gibt arme. Mehr arme als reiche.»
«Dasselbe wie bei uns. Auf einen Reichen kommen - ohne bösen Blick - tausend Arme.»
Die Menschen leben mehr schlecht als recht, machen mehr oder weniger glückliche Geschäfte und träumen von besseren Zeiten. So präsentiert sich die Ausgangslage in vielen Geschichten Scholem Alejchems. Würden da nicht kleine und grosse Wunder geschehen, oder wenigstens erwartet werden, wären es allesamt Tragödien.
Sei es die Hoffnung auf einen Losgewinn von 75 000 Rubel, oder wenigstens auf ein kleines Geschäft, wie den Verkauf der letzten drei Kalender vor dem neuen Jahr, oder - noch bescheidener - auf ein Rührei. Die Hoffnung - egal worauf - nimmt ganz Besitz von den Kleinen und Hoffnungslosen, und das Leben sieht schon nicht mehr so trostlos aus. Darin sind Scholem Alejchems "Luftmenschen" Meister. Sie trotzen allen Widrigkeiten, sei die Hoffnung noch so klein und die Widrigkeit noch so gross.

Scholem Alejchem hat nicht nur historische Genre-Geschichten geschrieben. Sein Werk ist vielschichtig und seine witzigen und gescheiten Parabeln haben uns heute noch viel zu erzählen. Er muss ein Mensch mit sehr wachen Augen und Sinnen gewesen sein, denn die Atmosphäre, die er vermittelt, die Menschen, die er mit all ihren Schwächen und Stärken - vor allem aber mit ihren Schwächen - mit scharfer Feder und zugleich liebevoll beschreibt, muss er gut gekannt haben. Anders kann es gar nicht sein: Die Geschichten sind wahr.

Die literarische Vorlage

«75 000» heisst eine Erzählung von Scholem Alejchem (Autor von "Tewje der Milchmann" / "Anatewka" ), die Maria Thorgevsky & Dan Wiener mit dem Pariser Akkordeonisten Pierre Cleitman in der Dramatisierung und Regie von Hansjörg Betschart 1996 uraufführten und seither mit grossem Erfolg spielen.
Vorher aber musste die Erzählung aus dem Jiddischen übersetzt werden, denn es gibt immer noch Geschichten Scholem Alejchems, die nicht auf Deutsch zugänglich sind. RECLAM LEIPZIG interessierte sich für die Übersetzung Wieners, es kamen noch weitere kleine Geschichten dazu, und so entstand der Band als deutsche Erstausgabe

Scholem Alejchem, «75 000 und andere Geschichten um Gott, Geld und Glück» übersetzt und herausgegeben von Dan Wiener, erschienen bei RECLAM LEIPZIG (link zu CD und Buch)

Die kürzeren Geschichten, die neben der grösseren Erzählung 75 000 im oben erwähnten Erzählband enthalten sind, bilden den Hauptteil des Abends, ergänzt durch bekanntere aber auch unbekanntere jiddische Lieder. Erzählt wird auf Deutsch. Jiddisch und Russisch werden auch zu hören sein.
Wer allerdings Folklore erwartet wird enttäuscht: Bei der Auswahl und Interpretation der Geschichten und Lieder interessiert vor allem was erzählt wird und wer erzählt. Eine Begegnung mit den Menschen und deren Geschichten.

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