Zürich-Petrograd einfach - Projektabschluss

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Kommentar zum „objektiven“ Umgang mit Lenin

Neben vielen begeisterten, gab es einige wenige kritische Stimmen, die sich in unserem Stück zur Zugsfahrt Lenins nach Petrograd ein positiveres Leninbild gewünscht hätten. Oft wurde das so formuliert, dass das Stück in der historischen Betrachtung nicht ausgeglichen sei.

Wir hatten den Auftrag von den drei Instituten für osteuropäische Geschichte der Unis Basel, Zürich und Bern ein Stück rund um Lenins Reise im Zug von Zürich nach Petrograd zu entwickeln. Die Zusammenarbeit war spannend: Zu Beginn umfasste das den Austausch von Quellen und Materialien, später auch inhaltliche Diskussionen und für die Zugsversion eine gemeinsame Organisation.

Wie sollten wir den Auftrag inhaltlich angehen?

Ein Reenactment oder eine Heroisierung der Ereignisse kamen für uns nicht in Frage, weil dadurch die negativen Folgen der Revolution ausgeblendet würden.

Aber auch eine realistische Darstellung von Lenin als Monster und Machtmensch erschien uns szenisch wie auch inhaltlich wenig interessant.

Es ging uns zudem nicht um ein Dokumentartheater, sondern um eine szenische Umsetzung der Reise und ihrer Folgen auf Grund von Originalquellen.

Wenn man verstehen will, was wir gemacht haben, ist es wichtig die Geschichte des Umgangs mit der Figur Lenins mit einzubeziehen. In der Sowjetunion wurde er tatsächlich heroisiert. Es gibt nach wie vor unzählige Statuen Lenins. Es wurden Heldengeschichten kreiert, sogar Kinderbücher, in denen versucht wurde bereits Kindern ein positives Leninbild einzutrichtern. Und nicht zuletzt liegt Lenins Leichnam immer noch im Mausoleum - eine Ehre, die sonst nur Halbgöttern wie Pharaonen zuteil wird.

Auch vor diesem Hintergrund haben wir einen satirischen Zugang gewählt: Wir haben uns für den Text auf Quellen gestützt. Der grösste Teil des Stücktextes besteht aus Zitaten. Aber auch Situationen haben wir den Quellen entnehmen können: Dass Lenin es nicht ertrug, wenn im Zug geraucht wurde, oder dass im selben Zug die „Geliebte“ Inessa Armande und die Frau Lenins Nadezhda Krupskaja mit fuhren, sind mehrfach belegt.

Maria Thorgevsky’s Stück ist eine (bitterböse) Auseinandersetzung mit der Figur Lenins als Mensch, als Politiker und als Revolutionsführer. Eine intelligente Demontierung des „Übermenschen“ Lenin. Ausserdem kamen in einem zweiten Teil die Opfer der Revolution zu Wort (auch das ausschliesslich in Zitaten). Der dritte Teil gab einen historischen Überblick über die Rolle von Zügen während des Bürgerkrieges und in der ersten Sowjetzeit.

Aus unserer Sicht ist Theater ist immer eine Interpretation und soll Betroffenheit und Nachdenken auslösen. Das ist uns gelungen – sowohl bei den vielen begeisterten Zuschauern, wie auch bei denjenigen, denen die Interpretation nicht passte.

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Gast Montag, 18 Dezember 2017