Theater, das ich mir wünsche

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Kürzlich hatte ich Geburtstag. Nicht zum ersten Mal. Aber auch wenn ich dieses Jubiläum jetzt schon über 50 Mal gefeiert habe, kommt nach wie vor keine Routine auf. Ich mag es immer wieder neu.

Meine Theaterbesuche habe ich nicht gezählt. Es sind viel mehr als 50 oder 500, die eigenen Auftritte, die wahrscheinlich auch in die Tausende gehen, nicht mitgezählt.

 

Aber auch da gibt es keine Routine. Zu vielfältig sind die Orte, die Stücke, die Themen, die Umsetzungen, die Menschen.

Auch wenn ich nicht auf der Bühne stehe, fühle ich immer wieder dieses Kribbeln, diese Anspannung, die freudige Erwartung oder mindestens die Neugierde zu sehen, was ich heute erleben darf.

Ich bereite mich meist nur wenig vor, versuche ganz unvoreingenommen das Stück auf mich wirken zu lassen.

Erst nach einigen äusserst negativen Überraschungen habe ich mir inzwischen angewöhnt immerhin ein Szenenfoto anzuschauen oder eine Kurzbeschreibung. Mehr nicht. Und dann höre ich auf mein Bauchgefühl, das entweder sagt: „Da geh ich hin!“ oder: „Das tue ich mir nicht an!“

Wenn ich ins Theater gehe, will ich, wie gesagt, etwas erleben. Im normalen Leben erlebe ich auch ständig etwas, aber im Theater kann es mehr sein: Ich kann Dinge erleben, die ich sonst nie erleben würde. Ich kann ein Kondensat an Leben erleben. Ich kann Blickwinkel erleben, die mir sonst vorenthalten sind.

Was ich nicht mag, sind die Stücke, von denen ich bevormundet werde, die mir nur die Einfälle der Regisseure bieten, wo auch die Akteure auf der Bühne nichts erleben, sondern nur Funktionen erfüllen. 

Ich will selber denken dürfen!

Das mag jetzt vielleicht banal klingen, ist es aber leider nicht: Wie oft drängen mir Theatermacher eine Sichtweise auf - nicht als Erlebnis eben, sondern als gewalttätig imperatives Denkschema.

Wenn ich hingegen spüre, dass ein Stück mir etwas zu erzählen hat, dass es sich auf mich einlasen will, und umgekehrt ich mich der Geschichte hingeben kann, dann erlebe ich die ersehnten Glücksmomente. 

Ich habe mich schon als Kind immer gerne Geschichten hingegeben. Ich lag zum Beispiel unter dem grossen Radiomöbel, das bei uns im Wohnzimmer stand, und hörte ein Hörspiel, im Vertrauen, dass die Geschichte einen Kopf, einen Leib, Arme und Beine, ein Herz und einen Verstand hat, und dass die Geschichte mich wiegen, weit forttragen, und als einen anderen, neuen Menschen wieder zurückbringen wird.

Dan Wiener

 

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Gast Donnerstag, 25 Mai 2017