Kindergeschichten auf Radio SRF 1 (Zambo)

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Vom 22.-26. September 2014 jeweils um 19 Uhr in der Sendung Zambo sendet Schweizer Radio SRF1 wieder eine Serie berndeutsche Kindergeschichten von Dan Wiener als Wiederholung. Diesmal spielen die Geschichten alle an Orten und in Situationen, die ganz anders sind, als man es erwartet.

Einmal ist es ein Haus, in dem alles ganz anders ist, einmal ein Zoo und einmal ein klassisches Konzert.

Wer die Sendungen verpasst hat: Hier der Link zum Nachhören.

Hier im Blog als special extra eine Geschichte, die am Radio nicht zu hören sein wird (und keine Kindergeschichte ist). Die Geschichte einer Geschichte, in der alles ganz anders war.

Die Geschichte, in der alles ganz anders war

Kürzlich war ich in einer Geschichte, in der alles ganz anders war. Haben Sie schon einmal eine Geschichte erlebt, in der Sie selbst vorkommen, ohne dass Sie den kleinsten Einfluss auf den Verlauf haben? Das ist grauenhaft!

Als Kind machte ich mir oft meine eigenen Geschichten. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie es wäre, wenn ich schon gross wäre: Ich lag im Bett und unter meiner Bettdecke – so sah es von aussen aus. In Tat und Wahrheit sass ich aber in einem windschnittigen Auto, nein, ich sass nicht, ich lag, über mir eine Windschutzscheibe, ich raste mit Lichtgeschwindigkeit ferngesteuert durch die Strassen, landete bei meinem Haus, das aussah wie ein Pilz. Das Auto öffnete sich automatisch und ich fuhr im Lift, der im Fuss des Pilzes eingebaut war, nach oben. Wenn jetzt mein Vater oder meine Mutter ins Zimmer kam und mir die Decke wegzog und mich ermahnte, dass ich jetzt einschlafen solle, war das vollkommen fehl am Platz! Aber vollkommen!

Genauso fehl am Platz war ich in der Geschichte, in der alles ganz anders war. Diese Geschichte hatte ich aber nicht selbst erfunden und sie handelte doch von mir. Ich war in einer Stadt, die ich noch nie gesehen hatte, und die ich doch bewohnte. Ich fuhr durch die Strassen, und ich sollte so aussehen, als ob ich wüsste, wo ich hin wollte. Ich folgte einfach anderen Menschen in ein Hochhaus. Ich wurde begrüsst vom Portier, als ob ich schon immer da ein- und ausgegangen wäre. Ich fuhr in den 17. Stock, fand ein Büro, das mit meinem Namen angeschrieben war. Eine Sekretärin fragte mich, ob sie heute früher gehen dürfe und ich sagte selbstverständlich ja. Ich war sogar froh, dass sie ging, denn ich wusste nicht einmal wie sie hiess. Ich machte nichts, ich war gelähmt. Wenn jemand vorbei kam, nahm ich ein paar Akten, die auf dem Tisch lagen und tat so, als ob ich darin läse, aber ich verstand kein Wort. Da war ein Telefon, aber es klingelte zum Glück nie. Einen Computer gab es keinen.

Jemand kam vorbei und fragte, ob ich zum Mittagessen mitkommen würde, aber ich sagte danke, nein, ich hätte zu tun. Ich sehnte mich nach dem Feierabend, doch als er da war, überkam mich Panik, da ich nicht wusste, wo ich hin sollte. Die Situation schien sich von selbst zu lösen, als der Kollege vom Mittag kam und mich fragte, ob er mich mitnehmen solle, und ich sagte ok.

Wir redeten über den Verkehr, über Autos und das Wetter. Ich war erstaunt wie austauschbar solche Gespräche sein können. Er verabschiedete mich, sagte: Grüsse die Frau und die Kinder. Ich stieg aus und jetzt wurde mir schon fast übel. Ich ging den Gehsteig hoch, öffnete das Gartentor - wo hätte ich auch sonst hingehen sollen? Es war eines von vielen Gartentoren. Warum sollte ich gerade hier wohnen und nicht woanders? Ich nahm den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn ins Schloss. Meine Hand zitterte. Mir war klar, dass ich jetzt gleich meine Frau und meine Kinder treffen würde, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Der Schlüssel passte, ich öffnete die Tür und wollte „Hallo" rufen, doch der Ruf blieb mir im Hals stecken. Ich versuchte es noch einmal und beim dritten Mal rief ich „Hilfe" statt „Hallo", aber es hatte es niemand bemerkt.

Zwei Kinder kamen mit dem Ruf „Papa, Papa!" auf mich zugerannt. Ein Mädchen und ein Junge, die ich noch nie gesehen hatte. Ich hörte mich „Meine Kinder!" sagen – wie hätte ich auch so kleine Kinder enttäuschen können, sie können ja nichts dafür, dass ich in einer Geschichte war, in der alles ganz anders war.

Ich fragte sie, ob sie auch brav gewesen seien, doch eine Antwort gab es nicht, denn da kam meine Frau! Sie war blond und schien eben aus einem Einrichtungskatalog der 1960er Jahre entstiegen zu sein. Sie trug eine hübsche Bluse und einen Rock und darüber eine gepunktete Schürze mit Rüschchen. Sie sagte „Hallo Schatz" und gab mir einen Kuss. Sie roch nach einer Mischung aus Parfum und gebratenen Zwiebeln. Der Einfachheit halber sagte auch ich „Hallo Schatz!". Sie fragte mich: „Wie wars bei der Arbeit?" und ich sagte cool: „So wie immer."

Ich musterte sie unauffällig und sie war sogar richtig – adrett. Ja, genau dieses altmodische Wort passte zu ihr. Ich hatte jetzt also offenbar eine adrette Frau und zwei süsse kleine Kinder. Aber ich sah sie heute zum ersten Mal und das war doch ziemlich verwirrend.

Die Frau in der Geschichte, in der alles anders war, gab mir noch einen Kuss, wahrscheinlich als Dank dafür, dass ich gearbeitet hatte und sagte zu uns: „Jetzt aber Marsch die Hände waschen und zum Tisch, es ist schon alles bereit." Sie nahm mir die Mappe ab und die Kinder packten mich an je einer Hand und zerrten mich zum Badezimmer. Ich fand die Seife, wir wuschen uns die Hände. Danach stellten sich die Kinder nebeneinander auf und präsentierten mir ihre Hände von beiden Seiten und ich begriff, dass ich sie loben sollte und sagte, dass die Hände sehr sauber seien.

Am Tisch gab es vier Stühle. Es war klar, dass der Ehrenplatz für mich bestimmt war. Alles war liebevoll gedeckt. Meine Frau sagte, sie hätte das Rührei speziell so gemacht, wie ich es liebte, mit viel gerösteter Zwiebel und lächelte erwartungsvoll. Ich hasse geröstete Zwiebeln, auch im Rührei, aber ich lächelte, hörte mich „Danke mein Schatz" sagen und würgte alles herunter, sodass ich noch eine zweite Extra-Papa-Portion bekam.

Nach dem Essen zerrten mich die Kinder zum Sofa, wo ich ihnen vorlesen sollte. Meine Frau begleitete uns mit einem verständnisvoll-liebevollen Blick, bevor sie anfing den Tisch abzuräumen und das Geschirr zu waschen.

Die Kinder waren nicht immer zufrieden mit meinen Lesekünsten, aber zum Glück sagten sie mir dann genau, wie ich die Geschichte zu erzählen hätte. Als ich auch das überstanden hatte, kam meine Frau, nahm das Mädchen mit den Worten „Marsch ins Bett, mein Schätzchen" an der Hand. Offenbar hiessen wir alle „Schatz". Das ist sehr praktisch. Der Junge war etwas grösser und durfte offenbar noch etwas länger aufbleiben. Ich sollte mit ihm mit der elektrischen Eisenbahn spielen. Er fragte mich, ob der Weihnachtsmann ihm eine neue Lokomotive bringen würde, und ich stellte die idiotische Frage, ob denn bald Weihnachten sei, denn ich hatte keine Ahnung, an welchem Tag, in welchem Monat, ja ich wusste nicht einmal in welchem Jahr ich mich befand.

Da kam meine Frau, sagte, dass ich müde sei von der Arbeit, ich bekam noch einen Kuss und die Zeitung. Ich verstand, dass ich mich jetzt in den gemütlichen Sessel zu setzen hatte. Dort stand schon der dampfende Kaffee bereit und meine Pfeife. Ich nippte pro forma am Kaffee und an der Pfeife, doch meine Aufmerksamkeit galt der Zeitung. Ich dachte, ich könne da wenigstens einen Hinweis darauf bekommen, wo sich die Geschichte, meine Geschichte, in der alles ganz anders war, abspielte. Ich verstand jedoch nichts. Es war offenbar ein Lokalblatt, in dem nur Lokales berichtet wurde: Dem Polizeihauptmann wurde zum 25. Dienstjubiläum gratuliert, ein Kindergarten wurde neu eröffnet, ein Frisörsalon machte Reklame. Da allen sowieso klar war, wo sie sich befanden, wurde nie gesagt, wie der Ort hiess. Es stand nur „bei uns" oder „wir haben" etc.

„Schatz, hörst Du mich?" – ich schreckte aus meinen Studien auf, offenbar war ich nicht zum ersten Mal gerufen worden. Aber wieder erhielt ich nur einen verständnisvoll liebevollen Blick von meiner Frau, die mir mitteilte, dass die Kinder bereit seien für den Gutenachtkuss. „Schau, dass die beiden bald einschlafen." sagte sie mir und wieder erhielt ich einen Kuss auf die Wange. Inzwischen roch sie nach Parfum und Abwaschmittel mit Greenapple-Aroma. „Ich warte auf Dich", sagte sie, zwinkerte mir verführerisch zu. Ich lächelte verlegen zurück und sagte ihr, dass sie hinreissend aussehe; sie sah wirklich hübsch aus, aber das mit dem „hinreissend" sagte ich eher aus Pflichtgefühl – ich hatte noch nie zu irgend etwas „hinreissend" gesagt, aber hier passte es.

Ich ging aufs Geratewohl die Treppe hoch und fand im zweiten Anlauf auch das richtige Zimmer. Das Mädchen war schon eingeschlafen. Der Junge lag unter seiner Bettdecke und ich hörte, wie er mit sich selbst sprach.

Ich hob die Decke seitlich etwas hoch und entschuldigte mich, dass ich ihn beim Autofahren störe. Er antwortete zuerst nicht und war offenbar etwas erstaunt. Dann aber erklärte er mir, dass er nicht in einem Auto sitze sondern auf einem Schiff sei und dass ich das Fenster schliessen solle, es sei kalt draussen. Ich zog die Bettdecke so gut es ging um meinen Kopf. Ich fragte ihn, wohin er fahre und er sagte, er fahre über den Ozean. Er wolle eine neue Insel entdecken auf der das Essen auf den Bäumen wachse und die Menschen keine Autos bräuchten. Er sagte, ich müsse jetzt an Land, er müsse ablegen. Ich wünschte ihm viel Glück und Schiff ahoi und zog den Kopf wieder unter der Decke hervor.

Ich stand noch einen langen Moment da und sehnte mich nach der Zeit, in der meine Geschichten genau so abliefen, wie ich es mir vorstellte.

Kürzlich war ich in einer Geschichte, in der alles ganz anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber es war offenbar meine Geschichte, und ich wusste keinen Ausweg. Ich seufzte. Ich wusste nicht wie lange ich noch in dieser Geschichte verbringen sollte. Immerhin, es hätte ja schlimmer kommen können, dachte ich. Ich suchte das Schlafzimmer, zog mich aus, wusch mich, zog das Pyjama an, das für mich bereit lag und legte mich zu meiner mir unbekannten adretten Frau ins Bett.

© Dan Wiener 2013

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Gast Montag, 18 Dezember 2017